Tage 26-30 / Between Rice Fields and Road Rage

Tage 26 / 19. Juni 2026

Wir wollten um 6:00 Uhr losfahren und sind auf die Minute pünktlich um 6:00 Uhr vom Hof gerollt. Philip ist noch etwas malade mit seinem leichten Sonnenstich, Kopfschmerzen und einem etwas flauen Magen, aber nicht ganz zerstört. Viel Trinken, ausreichend Schlaf und moderne Medizin ergeben ein annehmbares Ergebnis.

Durch die kühle Morgenluft, fast schon etwas zu kühl, fahren wir in Richtung der Fähre, die uns nach Bali bringen soll, ohne weitere Komplikationen. Teilweise ist die Strecke, wie üblich hässlich und verpestet, teilweise aber auch wunderschön.

Um 10:00 Uhr rollen wir auf die Fähre. Zunächst alle Roller und Motorräder, dann Autos und Lastwagen. Es wird jeder Platz ausgenutzt. Fahrzeug-Tetris. Einen klimatisierten Raum gibt es hier auf dieser Fähre allerdings nicht. Die Fähre benötigt auch für die kurze Strecke gerade mal 90 Minuten. Insbesondere Claudius stellt für sich selber fest, dass er im Vergleich zu den Vorjahren mit dem Klima richtig gut zurecht kommt. Er leidet nicht, zumindest nicht unter dem Klima… Nur unter.. hat das Philip gesagt?

Und dann ist es soweit. Philips großer Wunsch geht in Erfüllung. Wir fahren mit den Motorrädern über Bali. Wir betreten quasi den heiligen Boden der deutschen Fernsehunterhaltung. Wer kennt sie nicht, die Folgen vom Traumschiff mit Sascha Hehn, Beatrice und den ganzen anderen Fernseh- und Schlagerstars… Die Titelmelodie kommt sofort in den Kopf. Außerdem würden wir einen größeren Betrag wetten, dass auch Inge Meisel und Karl Dall schon mal hier auf der Insel ihre Kunst zum Besten gegeben haben!?

Also fahren wir neugierig los. Wir sind gespannt, ob sich der besondere Zauber von Bali uns erschließen wird. Wir haben im Vorfeld sehr Unterschiedliches gehört. Der explosionsartig gestiegene Tourismus soll Bali sehr verändert haben.

Die Landschaft ist auf den ersten Blick schon gefälliger als auf Java. Es ist alles etwas gepflegter und irgendwie saftiger, grüner. Auffallend sind die Reisterrassen, also Reisfelder, die an Hängen auf verschiedenen Ebenen angelegt sind.

Der Verkehr hier auf Bali ist leider auch gleich wieder massiv. Auf halber Strecke hat Philip dann noch eine Rangelei mit einem Pick-up. Er hatte sich diesen ausgesucht und nicht den LKW, der ihm beim Überholen entgegenkam. Mit seinem linken Koffer hat er dem Pick-up „etwas“ die Frontschürze umgestaltet.… Wir fanden, dass das toll aussieht, der Fahrer war leider anderer Meinung. In der ersten Schrecksekunde denkt man immer am klarsten und was haben wir schon so oft gelesen und gelernt als echte Overlander – richtig, ABHAUEN!!!! Da Philip aber durch die lange Fahrt schon ganz matschig in der Birne war, fiel er eher zurück in alte Verhaltensmuster: Anhalten, freundlich sein, strukturiert den Unfall aufnehmen und Konversation betreiben. Der Unfallgegner stellte sich als „optimal“ für uns heraus. Er ist bei der indonesischen Armee, kultiviert und freundlich. Zu unserem großen Glück sprach er auch noch Englisch. Mit einem Reisbauern wäre das Ganze wesentlich komplizierter geworden. Die Polizei haben wir erst mal außen vor gelassen. Dann konnten wir auch noch unseren Joker ziehen. Dieser heißt Arman und ist ein Freund von Claudius. Er ist Major – höherer Dienstgrad als unser neuer Freund – bei der indonesischen Armee und absolviert bei der Führungsakademie in Hamburg eine Fortbildung für ein Jahr. Arman spricht perfekt Deutsch und hat ergänzend zu uns mit seinem Landsmann alles perfekt geregelt. Wir konnten uns mit 300 USD „freikaufen“. Das wird in etwa eine neue Stoßstange samt Montage und Lackierung hier kosten. Wenn es teurer wird, wird sich der Sergeant per WhatsApp mit dem Major in Verbindung setzen. Diese Verbindung über die Armee hat natürlich das Vertrauen in eine korrekte Abwicklung ganz wesentlich gefestigt. Philip macht noch ein „Wir-haben-uns-wieder-vertragen-Foto“. Dann verabschieden wir uns, und als wir den Pick-up erneut überholen, winken wir und unser neuer Freund „Doley“ hupt uns hinterher.

Für die letzten 34 km zu unserer Unterkunft benötigen wir ungelogen fast zwei Stunden. Der Verkehr ist nicht in Worte zu fassen. Glaubt es uns, nachdem wir um 6:00 Uhr losgefahren sind, waren unsere Batterien um 17:30 Uhr bei Ankunft im Hotel tiefentladen. Als dann die ganz klar übermotivierte Dame vom Hotel nicht aufhört, uns jeden kleinsten Winkel des Hauses zu erklären, bemühte der sonst immer auf Freundlichkeit bedachte Claudius nur noch: „No more explanations please, I need a shower, NOW!“ Bei den so höflichen Balinesen kommt das schon fast einem Rausschmiss gleich.

Nach dem ausgiebigen Besuch der Dusche und einer grundlegenden Renovierung des eigenen optischen Erscheinungsbildes zog es uns erst zum Geldautomaten und dann zum Strand. Dort aßen wir sehr lecker mit Blick in die Nacht und auf das seicht tosende Meer zu abend. Zum Glück saßen wir überdacht, so dass uns die zwei tropischen Regenschauer nichts anhaben konnten. Eine 60-minütige Fußmassage für erschwingliche 5 Euro war ein gelungener Abschluss des Abends, bevor wir in einen komatösen Tiefschlaf übergingen.

Tag 27 / 20. Juni 2026

Heute ist Fahrpause. Gut ausgeschlafen springt Philip als Erstes morgens in unseren privaten Pool. Endlich kann er den neuen Bikini ausprobieren, den ihm Claudius geschenkt hat (Weihnachtsgeschenk im Hotel am Bromo). Auf Bali muss man sich mal was leisten, haben wir uns gesagt, und uns deshalb eine kleine „Villa“ gemietet. Klingt nach mehr, als es dann wirklich war. Am Ende sind es quasi großzügige, ebenerdige Reihenhäuser, jeweils mit einem uneinsehbaren Innenhof, in dem der private Pool liegt. Hier wird auch ganz privat im Wohnzimmer das Frühstück serviert. Großen Spaß haben wir an der nur einen Tasse schwarzem Kaffee, die mit einer Cellophanfolie gegen das Verschütten und Abkühlen gesichert ist. Das Frühstück hatten wir bereits am Abend vorbestellt.

Nach dem Frühstück ziehen wir uns zurück und schreiben an einem neuen Bericht, der dann um die Mittagszeit rausgeht. Wir hatten bereits beim Frühstück besprochen, dass wir heute nach getaner Arbeit in einen der schönen Beach-Clubs wollen. Nicht die ganz wilde Nummer – eher lebensphasenbezogen für uns geeignet. Also kein Techno-Digital-Nomad-Ding.

Frisch gestriegelt, in Badehose und Flipflops machen wir uns auf den Weg zum „Potato Head“. Um einen der guten Plätze zu belegen, möchte man hier eine garantierte Mindestverzehrmenge. Das ist jetzt kein totales Schnäppchen, hilft aber nix: Wer es schön haben will, muss zahlen. Also müssen wir essen und trinken, bis es uns zu den Ohren wieder rauskommt, damit wir den Wirt auch maximal schädigen können! Das erste Mal auf unserer Reise gehen wir in den Indischen Ozean. Bisher war der Wellengang immer zu stark an den Stränden, die wir besucht haben. Aber jetzt passt alles zusammen. Die Wellen sind sehr ordentlich, deutlich höher als unsere Köpfe, und nehmen uns mit voller Wucht mit sich an den Strand. Philip hat vor allen Dingen in der B-Note geglänzt, als er in der Welle ein paar Purzelbäume im flacheren Wasser absolviert hat. Das Wasser ist herrlich temperiert. Zur Entsalzung gibt es dann noch eine Runde im Pool. Wir chillen dort, essen, trinken, rauchen eine Zigarre und beobachten die Szenerie. Der Sonnenuntergang ist dann nochmal spektakulär und die Verkehrsstrapazen und auch der kleine „Bums“ am Vortag sind gedanklich in weiter Ferne.

Tag 28 / 21. Juni 2026

Aber auch der schönste Abend geht vorbei und der nächste Fahrtag beginnt. Erstmal zur Tankstelle und das übliche Klarmachen, dass wir gerne zusammen abrechnen möchten. Am besten funktioniert: „Full and Full! 1 Pay!“

Der Weg zur Fähre ist nur kurz. Um 10:00 Uhr sind wir ganz pünktlich an der Fähre. Die Tickets kaufen wir wieder an einem kleinen Kiosk, von denen es vor dem Hafen, wie immer, unzählige gibt. Hier muss man den Pass und den Fahrzeugschein abgeben und die freundliche Dame oder der freundliche Herr gibt das dann über das Mobiltelefon, Tablet oder Laptop in das System ein. Dann wird eine Buchungsbestätigung auf einem winzigen Bon-Drucker ausgedruckt und kurz vorm Hafen zeigt man den dann vor, woraufhin man den Boarding-Pass bekommt. Die Fährtickets müssen hier immer online gekauft werden. Dafür gibt es auch eine App, die kann man aber nicht auf sein deutsches Telefon herunterladen. Sinnfragen stellen wir uns schon lange keine mehr.

Wir warten etwa anderthalb Stunden im Schatten in der Reihe mit ca. 100 weiteren Rollern. Es ist unglaublich, wie viele Lastwagen auf eine Fähre passen. Dann werden immer wieder zum Auffüllen der Lücken 5–10 Roller durchgelassen. Das Ding wird am Ende rappeldick voll sein. Die heutige Überfahrt nach Lombok soll ca. 4 Stunden dauern. In der Warteschlange hat Claudius ein sehr nettes Gespräch mit einem Mann aus Lombok, der MotoGP-Fan ist und uns die Empfehlung gibt, die Rennstrecke im Süden der Insel mal auszuprobieren. Mit unseren Schlachtschiffen? Verlockend, aber nein! Zu guter Letzt stößt sich Claudius dann auch noch den Kopf an einem Stahlträger an…… aber jetzt: Natürlich Unfallflucht, wir sind ja Profis und wollen für den Schaden am Träger nicht aufkommen! Der nette MotoGP-Fan hat sogar ein Pflaster dabei und verarztet Claudius liebevoll. Es sind leider weder Blumen noch Bienchen auf dem Pflaster.

Dann sind auch wir endlich an der Reihe und rollen auf das Schiff… wir sind die letzten beiden Motorräder, die es auf das Schiff geschafft haben! Als die Laderampe hochfährt, haben wir hinten noch 20 cm Platz.

Ziemlich verschwitzt kämpfen wir uns auf das oberste Deck und suchen uns etwas Schatten. Wir hoffen, dass hier ein laues Lüftchen weht und es erträglicher ist als unten. Claudius macht noch ein letztes Foto von den Motorrädern vor der Rampe und saut sich erst mal mit Schmierfett überall die Klamotten ein. Ätzend, heute Abend wird für ihn wohl Waschtag! Jetzt erstmal 4–5 Stunden Kreuzfahrt. Wir richten uns häuslich ein, essen etwas und ziehen die Motorradklamotten aus. Also die Stiefel und Claudius auch die Hose. Sieht lustig aus, mit langer Unterhose und dann den dicken Motorradstiefeln. Das ist hier ein Lager wie unter Landstreichern. Das müssen wir ändern! Da kommt Philip die Idee, dass wir doch unsere Campingstühle aus den Koffern holen sollten. Und plötzlich sind wir unter den ganzen Landstreichern die Aristokraten. Wenn wir uns auch gleich noch unsere Zigarren anstecken, erwarten wir, dass Gesandte mit Geschenken zu uns an den Thron kommen und uns Opfergaben darreichen.

Kaum sind wir wieder auf der Straße, geht auch auf Lombok der Indonesien-Verkehrswahnsinn weiter. Heute hat das Schicksal aber noch eine kleine Schippe mehr obendrauf geschmissen. Erst fängt es noch an zu nieseln und dann wird es auch noch dunkel. Da das ganze Prozedere mit der Fähre länger gedauert hat, als wir vermutet hatten, ist unser Zeitplan um knapp 2 Stunden nach hinten verschoben. In der Dunkelheit kommen unsere altersschwachen Augen schnell an ihre Grenzen und wir entscheiden uns, die letzte halbe Stunde nicht mehr zu überholen, sehr langsam zu fahren und es einfach zu ertragen. In Indonesien ist es sowieso keine so ganz gute Idee, im Dunkeln zu fahren. Viel Verkehr, die anderen Verkehrsteilnehmer sind schlecht bis gar nicht beleuchtet und die Straßen winden sich um jede Kurve.

Heute haben wir ein Hostel am Fuße eines Vulkans gebucht. Neben der Hütte der Gastfamilie gibt es nur ein paar weitere Zimmer, die aber sehr ordentlich sind. Das Bett gemütlich, alles soweit sauber und die Dusche mit heißem Wasser sind nicht überall hier der Standard. Der Gastgeber ist ein sehr kommunikativer Mann mit gut verständlichem Englisch. So ein richtig lustiger Vogel.

Philip killt erstmal 2 Bier. Philip war auch seit der Fähre eher still. Man muss das hier auch mal klar ansprechen: Der Verkehr geht einem auf den… worauf auch immer. Nicht ein bisschen, sondern richtig. Es ist meist kein Fahren, es ist ein Kampf – durch Massen, Lärm und Chaos, mit einem Überholmanöver spätestens alle 20 Sekunden und das den ganzen Tag. Das entspannte Motorradfahren, das wir so lieben, bleibt dabei mit Ausnahme wie auf Sumatra weitestgehend auf der Strecke. Indonesien hat uns auch viele schöne Momente geschenkt, aber hier im Verkehr wird einem nichts geschenkt – außer einem Lächeln. Und das bekommt man hier tatsächlich an jeder Ecke, von jedem, sofort und von Herzen. In Hamburg muss man da manchmal schon ganz schön drum kämpfen. Nach zweimal sechs Wochen in Südostasien freuen wir uns sehr auf die Weite Australiens im nächsten Jahr und auch die stärker westliche Zivilisation dort.

Mit diesen Gedanken warten wir auf unser Abendessen, sitzend unter einem Dach aus Bambusstangen inmitten von Bananenstauden.

Mit dem ersten Bierchen und spätestens mit dem zweiten Bierchen werden die Gedanken von Philip aber immer versöhnlicher, auch wenn sie vom Grundsatz nichts an seiner Einstellung zum Verkehr hier ändern. Als dann auch noch das Essen wirklich richtig gut war, ging die Spaßmaschine auch bei ihm wieder an. Es ist wirklich nicht fair, dass unsere Gastgeber Philips herrlich schlechte Laune so zunichte gemacht haben. Zum Abschluss schrubbt unsere Wirtin noch Claudius‘ Motorradklamotten, der sich auf der Fähre so schön eingefettet hatte. Trotz Unmengen Flüssigseife und heißem Wasser geht das Zeug mit diesen Mitteln hier zumindest nicht raus. Wir hoffen auf die Chemie in Deutschland!

Halbwegs beruhigt und mit einem gut gefüllten Bauch legen wir uns ins Bett. Claudius sagt noch kurz dem Gecko gute Nacht, der 2 m über ihm an der Wand hängt.

Tag 29 / 22. Juni 2026

Das Frühstück ist genauso großartig wie das Abendessen. Banana Pancake mit Scrambled Eggs.

Nach dem Frühstück machen wir uns noch zu Fuß auf den Weg und erkunden einen Wasserfall, der nur wenige Gehminuten entfernt ist. Obwohl er abseits der Hauptstraße in einem winzigen Dorf liegt, gibt es ein Tickethäuschen. Weil wir das nicht erwartet hatten, haben wir das Geld im Hostel gelassen und mussten dem Posten versprechen, dass wir später bezahlen. Wenn man vom Wasserfall allerdings zu den auf der anderen Seite befindlichen terrassierten Reisfeldern möchte, gibt es wieder einen Posten, der wollte auch wieder Geld und dieser war unerbittlich.

Zurück am Hotel machen wir uns reisefertig. Wir packen die Motorräder, verabschieden uns von unseren Gastgebern und starten die Motoren. Philip versucht sein Motorrad ein Stück zurückzuschieben, aber irgendwie will es nicht… Was ist denn das? Liegt da was? Nein, da lag nichts. Nur war leider auch keine Luft mehr im Hinterrad… Yippie… das passt ja. Nun gut. Also alles zurück. Absteigen, Helm ab, Jacke aus, Handschuhe aus… Tasche vom Motorrad und erstmal Koffer ab, damit das Hinterrad gut zugänglich wird. Nach nur einer Vierteldrehung des Hinterrades ist der Übeltäter entlarvt. Ein blinder Passagier in Form eines fast 10 cm langen Nagels hat sich unerbitterlich in den fast neuen Reifen gearbeitet. Unsere Gastgeber boten gleich an, einen Mechaniker kommen zu lassen, der es repariert. Aber bis der da ist, haben wir, naja also Philip, das selber erledigt. Während Philip mit einer Zange den Übeltäter des Platzes verweist, kramt Claudius eben das Reparaturset raus. Mittlerweile haben wir das ja schon zweimal bei Claudius gemacht, also Schema F… Loch aufrauhen, Gummiwurst reinpröpeln, aufpumpen, fertig. Kurz abwarten, Luftdruck prüfen. Fertig. 15 Minuten später starten die Motoren erneut. Jetzt aber Abfahrt.

Die gute Stunde, die wir zum Fährhafen brauchen, geht gut vorbei. Kein Verkehrschaos! Wieder vor dem Anleger in einer der Buden ein Ticket kaufen. Auch bei dieser Fähre sind wir bei den Motorrädern wieder ganz hinten und zwar ganz hinten! Wenn das mal gut geht!? Claudius fragt einen der Offiziellen danach, wann denn die nächste Fähre geht. Die Antwort ist so indonesisch, wie sie indonesischer nicht sein könnte: „Wenn die Fähre da ist und im Hafen abfährt!“ Als Letzte rollen wir wieder auf die Laderampe der Fähre. Aber diesmal haben wir uns zu früh gefreut, wir kommen doch nicht mehr mit. Man schickt uns zu einer anderen Fähre, die wohl auch zeitnah ablegen wird… puuuhhh, warten in der Hitze wird nicht zu unserem Hobby!

Diesmal aber dürfen wir als Erste auf die Fähre fahren. Entweder letzter oder erster, dazwischen gibt es wohl nichts? Als es losgeht, setzen wir uns in den fensterlosen Salon. Hier sitzen und liegen die Leute in allen möglichen Konstellationen. Seegang gibt es diesmal auch. Naja, es ist eher so ein Schwell, der nur leider etwas seitlich kommt und die Fähre ein bisschen zum Rollen bringt. Wir überlegen schon, ob oder ab welchem Seegang die Motorräder umfallen. Festgezurrt werden die hier ja nicht. Zum Glück gibt es keine Seekrankheitsprobleme.

Völlig verschwitzt verlassen wir die Fähre und uns erwartet eine Überraschung: Sumbawa, die Insel auf der wir nun angekommen sind, ist ganz anders als die Inseln davor. Eher flach und weitläufig, das Auge kann weit blicken und die Berge sind eher karstig mit Büschen und recht trocken. Die Ebenen genauso, wenn nicht gerade Reis angebaut wird. Zum Teil wurde brandgerodet. Die Straßen sind richtig super von der Oberfläche und auf langen Geraden kann man ordentlich Gas geben. Und das Schönste ist, dass der Verkehr total harmlos ist. Es wirkt fast ein wenig wie ausgestorben. Auch heute ist der Zeitplan nach hinten verschoben. Fähren benötigen insgesamt mit warten, beladen etc. einfach mehr Zeit. Wir hatten uns aber diesmal erst nach Ankunft auf Sumbawa um das nächste Hotel gekümmert und haben daher eine realistische Reststrecke vor uns. Wir kommen dennoch in die Dämmerung rein und dann setzt noch leichter Regen ein. Das ist bei den Temperaturen um die 30 Grad aber ganz und gar nicht schlimm, denn der Regen kühlt uns im Fahrtwind gut ab. Nass bis auf die Haut werden wir Gott sei Dank nicht. Unterwegs sinnieren wir schon, dass vielleicht das Motto dieser Reise lauten wird: „Nach dem Regen kommt Sonneschein“?! Sumbawa macht auch abseits der Straße genauso gut weiter. Unser Hotel ist super und richtig hübsch…. für uns Sparfüchse mit 18 € pro Zimmer ein sehr guter Deal. Vielleicht ist diese Glücksserie die Belohnung dafür, dass wir im letzten „IndoMaret“ (ja, ohne „k“) einem kleinen Mädchen ein Überraschungsei aus der Quengelzone an der Kasse gekauft haben. Wir glauben allerdings, dass sie das Ding gar nicht gegessen hat, sondern gegen ein Eis eingetauscht wurde. Egal, Hauptsache, es schmeckt ihr am Ende!

Nach dem Abendessen mit den schon gewohnt eher winzigen Portionen und den mehr als nur scharfen Soßen laufen wir noch zum Indomaret in 300 m Entfernung und decken uns mit Getränken für die Nacht und einem Eis zum Nachtisch ein. In diesem Nest hier fallen wir auch an der dunklen Landstraße sehr auf. Meist rufen die Kinder „Hello Mister“, heute aber auch mal „Bule“, was soviel wie Albino heißt, weil es wohl den Kindern eher in den Sinn kommt, als uns „Weiße“ zu nennen. So ist zumindest die offizielle Erklärung im Internet.

Wir beschließen den Abend bei einer Zigarre vor dem Hotel und lauschen den „bezaubernden“ Klängen eines kreischenden Karaoke-Cafés auf der anderen Straßenseite.

Tag 30 / 23. Juni 2026

Der Tag beginnt mit einem Mord. Kaum ist das Licht an, findet Claudius ein sicherlich 5 cm langes Insekt direkt vor dem Eingang zum Bad. Sagen wir mal so, dieses Biest wird kein anderer mehr finden! …. außer der Putzfrau in zwei Jahren unter der Fußmatte zum Badezimmer. Das Frühstück hatten wir wieder vorbestellt: Rührei mit Toast und dem ortstypischen unerträglich süßen schwarzen Kaffee. Aber man gewöhnt sich ja an fast alles! Außerdem unterhalten wir uns sehr nett im Rahmen des Möglichen mit drei indonesischen Bikern von Bali, die tatsächlich sicherlich noch mal 10 Jahre älter sind als wir. Da sie kein Englisch sprechen, reden wir uns die Zunge nicht wirklich fusselig. Ein Selfie ist natürlich Pflicht! Bei all den Selfies und Videos auf unserer Reise fragen wir uns, wie viele Millionen 🙂 Follower uns schon kennengelernt haben.

Die Insel macht so weiter, wie sie begonnen hat. Endlich haben wir unser Motorradfahren wieder, wie wir es lieben. Kaum Verkehr, gute Straßen und wir kommen zügig voran. Aber kein Tag ohne eine kleine Herausforderung. Das „Turbo-Benzin“ mit 98 Oktan ist offensichtlich auf dieser Insel, wenn überhaupt, selten erhältlich. Deshalb entscheiden wir uns, Supermax mit 92 Oktan zu tanken. Aber auch dafür mussten wir an einigen Tankstellen vorbeifahren, die mit diesem „normalen“ Sprit ausverkauft waren. Am Ende haben wir unseren Tank zur Hälfte mit dem neuen Sprit gefüllt und haben rechnerisch vielleicht 95 Oktan im Fass.

Berichtenswert ist auch, dass wir, wie ihr wisst, bereits auf Sumatra an zig Hochzeiten vorbeigekommen sind. Diese fanden entweder im Zelt auf der Hälfte der Straße statt oder als kleine Prozession. Zum Sterben kommt man offensichtlich nach Sumbawa… Heute gab es allein drei Prozessionen. Schweigend oder mit Musik wird der Sarg vorweggetragen. Die Trauergemeinde ist sicherlich immer locker 100 Personen stark, die Teilnehmer sind in Röcke gewickelt, barfuß unterwegs und haben einen großen Dolch an der Seite. Die Polizei regelt die Umfahrung. Und eine weitere Erkenntnis: Selbst die Affen legen sich auf dieser Insel noch viel regelmäßiger zur letzten Ruhe auf die Straße als auf den anderen Inseln. Auch wenn der Verkehr hier um Welten besser ist, darf man nicht unaufmerksam sein. Regelmäßig rennen Affen, Ziegen oder Kühe über die Straße. Eine Kuh hat Philip glücklicherweise „deutlich“ verfehlt, aber einen kurzen Moment war beiden nicht ganz wohl.

Legendär ist hier auch die Beladung der LKWs. Gerne ragt die Ware bis zu 3 m über das Führerhaus und obendrauf sitzen dann auch manchmal noch Personen. Wenn der mal in die Bremsen geht, schießen die wie Kanonenkugeln über die Straße.

Auf Motorrädern kann man hier übrigens bis zu zwölf Matratzen transportieren. Haben wir gesehen, leider aber kein Foto davon gemacht.

Nach langen 340 km kommen wir völlig platt ganz in der Nähe des Fährhafens am östlichen Ende von Sumbawa an. Die letzten zweieinhalb Stunden mussten wir sogar durchfahren, weil, was völlig ungewöhnlich ist, auf dem Weg kein Indomaret mehr kam. Als wir ins Hotel einchecken wollen, sagt uns der Chef vom Hotel, dass morgen früh garkeine Fähre geht, sondern erst morgen Abend um 21:00 Uhr. Oh ätzend. Was sollen wir denn morgen in diesem Kaff machen? Also fragen wir, was denn mit heute ist, und bekommen zu hören, dass heute Abend auch eine Fähre um 21:00 Uhr geht. Zwei Dumme, ein Blickkontakt und es war klar, wir setzen noch einen drauf: Wir nehmen gleich die Fähre. Wir fragen, ob der Hotelchef uns die Tickets organisieren kann und ob es auch eine Kabine für die Nachtfahrt gibt. Er macht kurz Fotos von den Kennzeichen und unseren Pässen und versichert uns, dass wir die Tickets bekommen. Wir haben noch Zeit und wollen dann wenigstens hier was essen, bevor wir auf dem Seelenverkäufer einschiffen. Es gibt zur Abwechslung mal Hühnchen mit Reis, aber die scharfe Soße mit Fischgeschmack und, was noch viel schlimmer ist, mit Fischgeruch passt uns nicht so richtig und wird einfach liegengelassen!

Der Chef des Hotels namens Rosid steht plötzlich in der Uniform eines Managers vom Fährterminal vor uns und bestätigt, dass wir Tickets und auch eine Kabine haben. Wie kann man nur so viel Glück haben, fragen wir uns. Bei der Kabine haben wir noch etwas Fragezeichen. Es gibt Berichte, die von schlimmen, also SEHR schlimmen Gerüchen sprechen. Keine Klima. Und es gibt Aussagen, dass es garkeine Kabinen gibt… Nun, wir lassen es mal auf uns zukommen.

Kurz nach Rosid brechen wir zum Hafen auf. Als wir aus der Ferne angefahren kommen, geht die Schranke schon auf und wir werden durchgewunken, ohne weiter zu fragen. Wir sind wohl entsprechend angekündigt und man erkennt uns an den großen Motorrädern. Keine Minute später bekommen wir die Boarding-Pässe von Rosid in die Hand gedrückt und werden direkt zu den Motorrädern in die Schlange geschickt. Claudius läuft erstmal los, um was zu trinken zu organisieren. Rosid stellt ihm seine Freunde Tony und Fatma vor, die sehr leckere Speisen zum Kauf anbietet.

Bereits kurz nach unserer Ankunft im Hafen werden wir von einer jungen Weißrussin in Motorradkombi angesprochen, die genau wie ihre vier Mitreisenden aus Belarus, Russland und der Ukraine, auf Bali lebt und eine kleine Motorradtour über Flores macht. Claudius klärt zwischenzeitlich, dass Rosid uns sogar auf das Schiff begleitet und uns unsere Kabine zeigt. Außerdem bietet er an, die noch verbleibende Fähre nach Westtimor für uns zu recherchieren. Das fällt uns hier leider besonders schwer, weil es keine verlässlichen Fahrpläne gibt. Aber er sitzt natürlich bei seiner Gesellschaft an der Quelle. Was für ein Glücksfall für uns! Denn die nächste Fahrt muss gut geplant sein, damit wir rechtzeitig ankommen. Und ausgerechnet diese Fähre fährt, soweit wir das herausfinden konnten, nur zweimal die Woche. Dafür aber unregelmäßig.

An Bord treffen wir auch gleich wieder auf unsere russischsprachige Reisegruppe: Sergej aus Sibirien, Ruslan aus der Ukraine und Sascha aus Belarus. Die anderen beiden Namen fallen uns nicht mehr ein. Alle arbeiten digital von Bali und sind seit Corona dort und genießen ihr junges Leben. Nachdem wir uns ausgiebig mit den anderen zwei Namenlosen unterhalten haben, verspürt Claudius einen gewissen Hunger und vor allen Dingen von dem langen Stehen haben wir beide einen schmerzenden Rücken. Claudius möchte unbedingt eine der Suppen probieren, die uns Rosid angekündigt hat. Philip ist eher zurückhaltend und lässt stattdessen lieber Claudius ins offene Messer laufen. Denn dieser fürchtet weder Tod noch Teufel, zumindest nicht in indonesischen Küchen. Wenngleich auch unsere Kabine mit dem Schild „Saloon“ keine Luxusherberge ist, sind wir jedoch sehr froh, uns nachher hinlegen zu können und eine Klimaanlage zu haben, auch wenn diese nur auf 25 °C geregelt werden kann.

Auf dem Weg in die Küche haben wir dann auch die Unterkünfte der dritten Klasse besichtigen können. Wir sind sehr glücklich, dass wir uns nicht wie die Sardinen zwischen die Leute legen müssen.

Nach dem langen Fahrtag und ohne zwischenzeitliche Dusche würden wir aber vom Hygienezustand gut dazwischen passen. Wir legen uns mit Klamotten auf die „Betten“… Hautkontakt möchte man hier lieber mit gar nichts haben.

Na dann hoffentlich mal eine gute und ruhige Nacht!

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Armin

    Denke das GRAPHITFETT wird eine ewige Erinnerung bleiben 🙂 .

  2. Carsten

    Boleh, wird allgemein für ‚gut‘ benutzt in Bahasa Indo (indonesisch), wird aber auch für europäische Ausländer benutzt. Es gibt dann noch ein paar andere sehr interessante Ausdrücke.
    Ihr kommt ja wirklich gut voran. Freut mich

  3. Alexandra

    Bali !! 🤩 Claudius, sach’… hin?
    Es klingt schön!
    Was seinen Kopf betrifft… Jeder hat ja seinen Fetisch und Claudius steht glaube ich darauf, sich den Kopf zu stoßen 😉 Dir fehlen wohl die Zusammenstöße im Keller?
    Ich finde es ziemlich mutig, Philip, dieses fremde Insekt einfach zu töten!! Ihr kennt doch MIB???

  4. Christoph Hess

    Auf der Straße seid Ihr mutig – aber zu Wasser seid Ihr‘s auch.
    Angst, dass die Fähren überladen waren, hattet Ihr nicht?! Aber echte Hanseaten – wie Ihr es seid – sind ja Meeres tauglich.
    Wie gestaltet sich eigentlich das Seelenleben Eurer Frauen und Eurer Kinder?
    Werdet Ihr sehnsüchtig erwartet?
    Fiebern sie mit – oder tangiert sie Eure Abenteuerreise eher wenig?

  5. Alexandra

    Ich wollte es euch schon seit dem Wochenende schreiben… Nochmals erweise ich euch meinen höchsten Respekt! Nachdem am Samstag, während der Radtour von Schenefeld zum Eppendorfer Baum, sich die Tropfen von der Stirn bis gaaanz runter in die Schuhe ihren Weg bahnten (und das nur mit Top und Shorts am Körper), musste ich an euch denken… Eingeschnürt in VOLLER Motorradmontur inklusive des Helms!!!

  6. Peter

    …mein allergrößter Respekt, wie immer, wen ich einen Bericht von Euch gelesen habe. Claudius, ich freue mich demnächst dann mal auf persönliche Erzählungen bei unserem Griechen!

Schreibe einen Kommentar